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WICHTIG & WITZIG / THEORIE

Vom Abolitionismus zur politischen Integration von Tieren

Viele Philosophen und Ethiker verzichten seit langem auf Fleisch. Eine inspirierende Perspektive auf das Zusammenleben von Mensch und Tier bildete sich aber erst in den letzten Jahren.

News Politik  ·  10. März 2026  ·  Aus Ausgabe 1/2026, S. 50

Das Unbehagen daran, Tiere zu essen, ist uralt. Seit jeher weigern sich die großen Denker fast aller Epochen, zu vergessen, dass das Stück Fleisch, das saftig und fettig auf ihrem Teller liegt, einmal ein Tier war.

Der Begründer der Mathematik, Pythagoras, verzichtete angeblich auf Fleisch, wie auch viele Jahrhunderte später der Begründer der Relativitätstheorie, Ulms größter Nestling Albert Einstein, und, zwischen und nach ihnen, Hunderte weitere exzellente Köpfe, darunter Leonardo da Vinci, Mohandas Ghandi, Charles Darwin, Leo Tolstoin, Wilhelm Busch, Lewis Hamilton, Rob Zombie und viele mehr.

Es gehört zur emotionalen Grundausstattung des Menschen, Empathie mit Tieren zu empfinden. Der antike Vegetarismus hallt noch in der Bibel nach, wenn Paulus den Korinthern schreibt, dass „wir weder besser noch schlechter [sind], ob wir nun das Fleisch essen oder nicht” – ein klarer Hinweis darauf, dass es unter frühen Christen verbreitet war, aus ethischen Gründen auf Fleisch zu verzichten.

Im 19. Jahrhundert wurde der Vegetarismus zur Bewegung, wofür die 1847 gegründete Vegetarian Society steht. Der Veganismus dagegen entstand erst im 20. Jahrhundert (die Vegan Society 1944). Er verzichtet nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Produkte – Milch, Eier, Wolle, Pelze, Leder, selbst Honig – da diese, sobald sie industriell hergestellt werden, Ausbeutung und Leid verursachen.

Die konsequente Fortsetzung dieser Haltung ist der Abolitionismus. Er lehnt jede Form von Tierhaltung ab, einschließlich der von Katzen und Hunden, da er sie pauschal verdächtigt, Leid zu verursachen. Im Zeitalter der industriellen Massentierhaltung und bei begrenztem Wissen hilft diese Heuristik, zu verhindern, unbeabsichtigt Tierqual zu verursachen.

Allerdings gerät der Abolitionismus in eine gewisse Verlegenheit, wenn man nach positiven Alternativen fragt. Was passiert mit den Tieren, wenn man sie nicht mehr ausbeutet? Mit den Schweinen, Rindern, Hühnern? Werden sie aussterben? Soll man sie auswildern? Darf man hinnehmen, dass sie in der Wildnis dahinsterben, weil sie nicht ohne den Menschen leben können? Wird man ihnen Reservate zur Verfügung stellen? Wer wird die Schafe scheren, die wir biologisch dahin gezüchtet haben, dass sie geschoren werden müssen?

Gnadenhöfe, Lebenshöfe und Reservate wie das Land der Tiere gehen mit gutem Beispiel voran. Sie geben Nutztieren einen Raum, wo diese nicht mehr nützlich sein müssen, sondern leben dürfen, wie sie geschaffen wurden. Damit erringen sie zwar ein Stück kosmischer Gerechtigkeit – sind aber kaum eine Lösung für das Gesamte. Weder gibt es genügend Land für alle Tiere noch ein tragfähiges Geschäftsmodell über das begrenzte Spendenaufkommen hinaus.

Dem Abolitionismus folgt unvermeidbar die Konsequenz, Nutztiere bis auf wenige Exemplare aussterben zu lassen. Bei Qualzuchten wie Möpsen oder manchen Hühnerarten mag dies angebracht sein. Doch schuldet die Menschheit den zu Lebensglück fähigen Nutztieren, den Schweinen, Rindern, Schafen und auch Hühnern, nicht ein besseres Leben anstatt den Tod? Und wie geht man damit um, dass der Mensch sich immer mehr Lebensraum unter den Nagel reißt, in dem für wild lebende Tiere schlicht kein Platz mehr bleibt? Das abolitionistische Argument, das nur Wildnis oder Aussterben duldet, wirkt angesichts der realen Umstände wie eine Flucht aus der Verantwortung.

Eine Aussicht auf eine positivere Vision brachte der sogenannte Political Turn der Tierrechts-Diskussion. Er beginnt mit dem kühnen Anspruch, dass Tiere vollwertige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sein müssen, Bürger mit allen juristischen und politischen Rechten. In der politologischen Diskussion dreht sich viel darum, wie man Tieren – in der Regel indirekt – politisches Gehör verschafft, etwa durch ausschließlich den Tieren verpflichtete parlamentarische Vertreter. Die Tierschutzbeauftragte der Bundesregierung wäre, wenn sie unabhängig wirkt, ein guter Anfang.

Ein wesentlicher Aspekt ist aber, Tiere als (oft unfreiwilligen) Teil der menschlichen Gesellschaft anzusehen, deren Willen so ernst zu nehmen ist wie der von Menschen. Tiere äußern stets ihren Willen, auch wenn nicht alle dies so deutlich machen wie Katzen und Hunde. Eine solche Willensäußerung kann eine Basis von Verträgen abgeben, analog zu mündlichen Verträgen unter Menschen.

Damit können Tiere vollwertige Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft werden. Denn deren grundlegender Mechanismus ist die Vertragsfreiheit: Nur Transaktionen, denen beide Parteien aus freiem Willen zustimmen, gelten als legitim. Bislang nehmen an diesen Transaktionen nur menschliche Parteien – etwa Landwirte, Schlachter und Konsumenten – teil, während die Tiere, die darunter leiden, so wenig gefragt werden wie ein Salatkopf.

Wenn man die Willensäußerung der Tiere zur Basis des Zusammenlebens und, vielleicht wichtiger, -arbeitens macht, verlieren einige Formen der Interaktion – etwa die Schweine- und Hühnerzucht sowie Tierversuche – zwingend ihre Legitimität, ohne dass man wie im Abolitionismus genötigt ist, jede ökonomischer Interaktion zwischen Mensch und Tier abzulehnen. Würde ein Schaf nicht zustimmen, dass der Mensch ihm Wiesen und Schutz vor Unwetter und Fressfeinden gibt – und es sich dafür (schonend) scheren lässt? Ließe sich dies unter entsprechenden Bedingungen nicht auch für eierlegende Hühner oder Milchkühe behaupten? Und wären Trüffelschweine oder Blinden- und Wachhunde nicht ebenso Beschäftigte wie menschliche Mitarbeiter?

Wenn man also den Blick auf Interaktionen lenkt, die dem Willen beider Seiten gerecht werden, werden viele bestehende Mensch-Tier-Beziehungen als gutes Beispiel sichtbar anstatt als exotische Ausnahme oder verschleierten Missbrauch. Hunde und Katzen sind sogar Nutznießer der menschlichen Zivilisation, wenn sie sichere Häuser, Spielzeug, Schutz vor Gewalt und eine moderne Medizin genießen. Auch Pferden gelang es, ihre Lebensumstände erheblich zu verbessern, wenn sie idealerweise auf einer sicheren Weide in Gruppen leben und nur gelegentlich (schonend) geritten werden.

Nennenswert wären auch Tauben, die eigentlich als Nahrungsmittel in engen Schlägen gehalten wurden, nun aber frei in den Innenstädten leben, wo Menschen ihnen gegenüber zunehmend Verantwortung übernehmen. Gute Beispiele dafür findet man genug, um Hoffnung zu haben, dass sich das Leben aller Tiere verbessern kann.