EUROPA UND ERSATZPRODUKTE
EU möchte Sojaschnitzel zensieren
Das Europaparlament will es verbieten, veganen Ersatzprodukten Titel wie „Schnitzel“ oder „Wurst“ zu geben. Damit stößt es aber auf einen überraschenden Widerstand.
Im Herbst erntete das Europaparlament reichhaltig Spott und Häme. Das EU-Organ hatte sich der Fleischindustrie etwas zu offensichtlich als linke Hand angeboten.
Das Parlament bestätigte einen Gesetzesentwurf, der Bezeichnungen wie etwa „Vegane Wurst” oder „Soja-Schnitzel” EU-weit verbieten soll. Mehr als 30 Begriffe – darunter auch Speck, Brust, Huhn und Rind – bleiben demnach Waren vorbehalten, die Teile toter Tiere enthalten, angeblich, um zu verhindern, dass der Verbraucher in die Irre geführt wird. Trotz entschiedener Proteste aus der Wirtschaft – darunter auch von Aldi, Lidl und Burger King – stimmte das Europaparlament im Oktober für den Entwurf.
Absurderweise hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) erst 2024 das glatte Gegenteil geurteilt: EU-Staaten dürften Begriffe wie Soja-Schnitzel, so der EuGH, eben nicht verbieten, da bereits die bestehenden Beschreibungs-Auflagen ausreichen, um Verbraucher vor Irreführung zu schützen – also davor, versehentlich doch keine Teile toter Teile in den Einkaufswagen zu legen.
Bezweifelt das Europaparlament damit das Urteil des EuGH? Oder unterstellt es dem Verbraucher, binnen eines Jahres Urteilsfähigkeit abgebaut zu haben? Oder – und das ist am wahrscheinlichsten – vertritt es schlicht und ohne Skrupel die Interessen der Fleischindustrie? Die sieht sich nämlich angesichts stagnierender oder rückläufiger Umsätze zu Recht von der dynamischeren Ersatzprodukte-Branche bedroht. Denn langfristig gehen „tierische” Schnitzel im Preiskampf gegen die pflanzlichen Alternativen unter. Es ist eben effektiver, Proteine, die auf dem Feld wachsen, direkt zu verwursten und zu verschnitzeln, anstatt mit ihnen erst ein Tier zu mästen.

In der deutschen Presse erntete das Europaparlament von rechts bis links Unverständnis und Spott. Selbst Landwirtschaftsminister Alois Rainer – immerhin Metzgermeister von Beruf und Parteigenosse von Bayerns ewigem Fleischfluencer Markus Söder – reagierte reserviert. Ein solches Verbot würde in der Sache wenig helfen und unnütz Bürokratie und Kosten verursachen. Rainer signalisierte also seine Ablehnung – womit das Verbot im Grunde schon vom Tisch ist.
Denn damit ein EU-Gesetz in Kraft tritt, muss es nicht nur vom Europaparlament entschieden, sondern unter anderem auch vom Europarat bestätigt werden. Dieser setzt sich aus den Fachministern der Mitgliedstaaten zusammen, darunter auch Rainer. Die ersten Vorverhandlungen blieben erwartungsgemäß ohne Ergebnis, weshalb man die Abstimmung auf 2026 verschoben hat.
Interessanterweise stecken hinter Rainers Ablehnung wohl nicht nur die Bürokratie, sondern auch die Interessen der deutschen Landwirte. Die erschließen sich mit pflanzlichen Proteinen – etwa Acker- und Sojabohnen oder Erbsen – längst neue Wachstumsmärkte. Die Ernährungswende ist, anders gesagt, bereits auf den Feldern angekommen.
Ersatzprodukte: Daten und Fakten

Der Konsum von veganen Ersatzprodukten steigt. 2024 konsumierten die Deutschen 126.500 Tonnen (etwa 1,5 Kilogramm je Kopf), womit sich der Markt seit 2019 verdoppelt hat. Im Jahr 2024 wuchs der Umsatz um 10,9 Prozent von 583,2 auf 647,1 Millionen Euro.
Anders sieht es bei Fleischwaren aus. Deren Umsatz sinkt oder stagniert seit einigen Jahren, 2024 etwa von 44,8 auf 44,3 Milliarden Euro. Je Kopf aß man in Deutschland 53,2 Kilogramm Fleisch, also ein Vielfaches mehr als Ersatzprodukte.
Eine Trendwende ist von einem Benennungsverbot nicht zu erwarten. Dies zeigt das Beispiel der Milch. Seit 2017 dürfen laut EU-Recht Milchalternativen aus Pflanzen nicht mehr Milch heißen. Daher drucken Hersteller Titel wie Hafer-, Mandel- oder Sojadrink auf die Packung. Dem Absatz der hat dies aber nichts geschadet.
Allein zwischen 2020 und 2023 stieg der Umsatz veganer Milchalternativen um stolze 85 Prozent auf 805 Millionen Euro, während echte Milch so wenig verkauft wird wie zuletzt 1991.
Die Deutschen tranken 2023 im Schnitt nur noch 46 Kilogramm Kuhmilch, denen knapp fünf Liter pflanzliche Milch gegenüberstehen, also gut 10 Prozent. Ein Verbot des für die Verbraucher naheliegenden Titels, eben der Milch, änderte nichts am Aufstieg der pflanzlichen Alternativen.