ÜBERREGIONALES
Die Geflügelpest tobt
In Deutschland forderte die Vogelgrippe im vergangenen Winter mehrere Millionen Opfer – und bedroht zunehmend Wildvögel.
Die „aviäre Influenza”, wie die Vogelgrippe fachmännisch heißt, tritt seit 2004 in jedem Winter auf – selten aber so heftig wie im vergangenen.
Ende 2025 hatte die Seuche bereits rund 2,5 Millionen Tiere das Leben gekostet. Die Schwerpunkte lagen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, betroffen waren vor allem Puten und Hühner.
Sobald in einem Betrieb eine Infektion festgestellt wird, greift ein Protokoll: Es gibt eine Sperr- und eine Schutzzone. In ihr gilt eine Stallpflicht für Geflügel sowie strenge Hygieneauflagen. In der Herde, in der die Seuche auftritt, werden alle Tiere „gekeult”, also getötet. Selbst wenn nur ein einziges betroffen war.
Wegen dieses rabiaten Seuchenschutzes explodierten die Opferzahlen rasch. Allein in Niedersachsen wurden 1,5 Millionen Vögel getötet. Zu sagen, dass die Tiere ohnehin geschlachtet werden, wäre dabei zu einfach: Denn die Kadaver werden verbrannt, anstatt in den Handel zu gehen. Daher kommen die 2,5 Millionen gekeulten Tiere auf die Leben hinzu, welche die Fleischindustrie ohnehin nimmt, sozusagen als Bonus: Sie werden mit gebraten, gegrillt und gekocht, wenn Göckele oder Pute auf dem Teller landen.
Die Landwirte, die ihre Tiere verlieren, erhalten dagegen von der Tierseuchenkasse eine Entschädigung. In Niedersachsen zahlte die Kasse rund 32 Millionen Euro aus, die Hälfte davon aus Steuermitteln.
Wildtiere vermehrt betroffen

Im vergangenen Winter traf die Vogelgrippe auffällig viele Wildvögel. Unter den Kranichen, die im Herbst von Skandinavien über Deutschland nach Südeuropa ziehen, kam es zu örtlichen Massensterben; insgesamt verendeten mindestens 15.000 Vögel. Daneben erwischte es Schwäne, Enten, Wildgänse, Möwen und andere Wildvögel.
In Spanien, wo schon mehr als zwei Millionen Tiere wegen der Vogelgrippe getötet wurden, fand man 500 an der Vogelgrippe verstorbene Störche. Die großen Vögel überwintern immer häufiger in Spanien, auch welche, die ihren Sommer in der Region um Ulm verbringen (siehe S. 36/37).
Die Vogelgrippe kann auch ganze Arten bedrohen. In Großbritannien hat sie vor einigen Jahren drei Viertel der Skuas und ein Viertel der Basstölpel getötet, zwei Arten, die außerhalb der britischen Inseln sehr selten sind.
Empfänglich sind auch Säugetiere. In Brandenburg haben sich einige Katzen angesteckt, vermutlich an toten Wildvögeln. In Niedersachsen fand man das Virus bei toten Füchsen, in Hessen bei Waschbär-Kadavern. Vor wenigen Jahren wurden in Finnland wegen der Vogelgrippe 2023 mindestens 50.000 Pelztiere, etwa Nerze und Marder, getötet. Und auf einer Insel vor Argentinien raffte die Geflügelpest fast alle See-Elefanten dahin.
Gefährlich erst durch Massentierhaltung
Was die Krankheit derzeit treibt, ist umstritten. Der Stammerreger, H5N1, kursiert seit langem unter Wasservögeln. Er ist jedoch wenig ansteckend und gefährlich.

Erst 1996 mutierte er in einer chinesischen Gänsefarm zur hochgefährlichen Variante A/H5N1. Von dort aus verbreitete er sich über Fleischtransporte und Zugvögel um die ganze Welt und war, so die Weltgesundheitsorganisation, ab 2005 nicht mehr zu stoppen.
Die aktuelle Welle treiben vor allem Wildvögel. Über den Kot und auf die Erde fallende Kadaver erreicht das Virus die Geflügelbetriebe. Diese sind aber ein perfekter Nährboden. Anders als Wildvögel bauen die genetisch gleichförmigen Tiere keine natürliche Immunität auf; in der Enge der Massentierhaltung hat die Durchseuchung freie Fahrt.
Erst diese Enge macht die Vogelgrippe so gefährlich. In der Massentierhaltung entstand um 2020 auch die Mutation „Klade 2.3.4.4b”. Diese ist noch aggressiver. Sie durchdringt leichter die Artengrenzen und greift auf andere Wildvögel und Säugetiere über; auf ihr Konto geht die große Epidemie Anfang der 2020er Jahre, die, parallel zu Corona, fast 100 Millionen Zuchtvögel und mehr als eine halbe Million Wildvögel dahin raffte.
Viele Tierschützer, darunter auch Niedersachsens Tierschutzbeauftragte Julia Pfeiffer-Schlichting, nennen daher die Massentierhaltung die tragende Ursache für die Geflügelpest.
Die Meldungen aus vier zufälligen Tagen im Dezember 2025 zeigen, wie sehr die Vogelgrippe im ausklingenden Jahr 2025 wütete:
- 13.12.2025 – 6.500 Gänse im Landkreis Leipzig und 33.000 Legehennen auf Rügen gekeult
- 14.12.2025 – 15.600 Puten im Landkreis Osnabrück getötet
- 15.12.2025 – 19.000 Puten in Salzwedel gekeult
- 16.12.2025 – 36.000 Puten in Kleve, 33.000 Puten auf Rügen und 10.700 im Emsland getötet
Dies waren keine besonderen, sondern ganz normale Tage ab Oktober. Seit die Vogelgrippe ausbrach, sterben jeden Tag zehntausende Hühner, Puten, Enten oder Gänse.