{"id":213,"date":"2026-03-10T09:00:00","date_gmt":"2026-03-10T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/test.vegionale.de\/cbot\/news\/vom-abolitionismus-zur-politischen-integration-von-tieren\/"},"modified":"2026-07-14T16:20:51","modified_gmt":"2026-07-14T14:20:51","slug":"vom-abolitionismus-zur-politischen-integration-von-tieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.vegionale.de\/cbot\/news\/vom-abolitionismus-zur-politischen-integration-von-tieren\/","title":{"rendered":"Vom Abolitionismus zur politischen Integration von Tieren"},"content":{"rendered":"<p>Das Unbehagen daran, Tiere zu essen, ist uralt. Seit jeher weigern sich die gro\u00dfen Denker fast aller Epochen, zu vergessen, dass das St\u00fcck Fleisch, das saftig und fettig auf ihrem Teller liegt, einmal ein Tier war.<\/p>\n<p>Der Begr\u00fcnder der Mathematik, Pythagoras, verzichtete angeblich auf Fleisch, wie auch viele Jahrhunderte sp\u00e4ter der Begr\u00fcnder der Relativit\u00e4tstheorie, Ulms gr\u00f6\u00dfter Nestling Albert Einstein, und, zwischen und nach ihnen, Hunderte weitere exzellente K\u00f6pfe, darunter Leonardo da Vinci, Mohandas Ghandi, Charles Darwin, Leo Tolstoin, Wilhelm Busch, Lewis Hamilton, Rob Zombie und viele mehr.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur emotionalen Grundausstattung des Menschen, Empathie mit Tieren zu empfinden. Der antike Vegetarismus hallt noch in der Bibel nach, wenn Paulus den Korinthern schreibt, dass \u201ewir weder besser noch schlechter [sind], ob wir nun das Fleisch essen oder nicht\u201d \u2013 ein klarer Hinweis darauf, dass es unter fr\u00fchen Christen verbreitet war, aus ethischen Gr\u00fcnden auf Fleisch zu verzichten.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert wurde der Vegetarismus zur Bewegung, wof\u00fcr die 1847 gegr\u00fcndete Vegetarian Society steht. Der Veganismus dagegen entstand erst im 20. Jahrhundert (die Vegan Society 1944). Er verzichtet nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Produkte \u2013 Milch, Eier, Wolle, Pelze, Leder, selbst Honig \u2013 da diese, sobald sie industriell hergestellt werden, Ausbeutung und Leid verursachen.<\/p>\n<p>Die konsequente Fortsetzung dieser Haltung ist der Abolitionismus. Er lehnt jede Form von Tierhaltung ab, einschlie\u00dflich der von Katzen und Hunden, da er sie pauschal verd\u00e4chtigt, Leid zu verursachen. Im Zeitalter der industriellen Massentierhaltung und bei begrenztem Wissen hilft diese Heuristik, zu verhindern, unbeabsichtigt Tierqual zu verursachen.<\/p>\n<p>Allerdings ger\u00e4t der Abolitionismus in eine gewisse Verlegenheit, wenn man nach positiven Alternativen fragt. Was passiert mit den Tieren, wenn man sie nicht mehr ausbeutet? Mit den Schweinen, Rindern, H\u00fchnern? Werden sie aussterben? Soll man sie auswildern? Darf man hinnehmen, dass sie in der Wildnis dahinsterben, weil sie nicht ohne den Menschen leben k\u00f6nnen? Wird man ihnen Reservate zur Verf\u00fcgung stellen? Wer wird die Schafe scheren, die wir biologisch dahin gez\u00fcchtet haben, dass sie geschoren werden m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Gnadenh\u00f6fe, Lebensh\u00f6fe und Reservate wie das Land der Tiere gehen mit gutem Beispiel voran. Sie geben Nutztieren einen Raum, wo diese nicht mehr n\u00fctzlich sein m\u00fcssen, sondern leben d\u00fcrfen, wie sie geschaffen wurden. Damit erringen sie zwar ein St\u00fcck kosmischer Gerechtigkeit \u2013 sind aber kaum eine L\u00f6sung f\u00fcr das Gesamte. Weder gibt es gen\u00fcgend Land f\u00fcr alle Tiere noch ein tragf\u00e4higes Gesch\u00e4ftsmodell \u00fcber das begrenzte Spendenaufkommen hinaus.<\/p>\n<p>Dem Abolitionismus folgt unvermeidbar die Konsequenz, Nutztiere bis auf wenige Exemplare aussterben zu lassen. Bei Qualzuchten wie M\u00f6psen oder manchen H\u00fchnerarten mag dies angebracht sein. Doch schuldet die Menschheit den zu Lebensgl\u00fcck f\u00e4higen Nutztieren, den Schweinen, Rindern, Schafen und auch H\u00fchnern, nicht ein besseres Leben anstatt den Tod? Und wie geht man damit um, dass der Mensch sich immer mehr Lebensraum unter den Nagel rei\u00dft, in dem f\u00fcr wild lebende Tiere schlicht kein Platz mehr bleibt? Das abolitionistische Argument, das nur Wildnis oder Aussterben duldet, wirkt angesichts der realen Umst\u00e4nde wie eine Flucht aus der Verantwortung.<\/p>\n<p>Eine Aussicht auf eine positivere Vision brachte der sogenannte Political Turn der Tierrechts-Diskussion. Er beginnt mit dem k\u00fchnen Anspruch, dass Tiere vollwertige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sein m\u00fcssen, B\u00fcrger mit allen juristischen und politischen Rechten. In der politologischen Diskussion dreht sich viel darum, wie man Tieren \u2013 in der Regel indirekt \u2013 politisches Geh\u00f6r verschafft, etwa durch ausschlie\u00dflich den Tieren verpflichtete parlamentarische Vertreter. Die Tierschutzbeauftragte der Bundesregierung w\u00e4re, wenn sie unabh\u00e4ngig wirkt, ein guter Anfang.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Aspekt ist aber, Tiere als (oft unfreiwilligen) Teil der menschlichen Gesellschaft anzusehen, deren Willen so ernst zu nehmen ist wie der von Menschen. Tiere \u00e4u\u00dfern stets ihren Willen, auch wenn nicht alle dies so deutlich machen wie Katzen und Hunde. Eine solche Willens\u00e4u\u00dferung kann eine Basis von Vertr\u00e4gen abgeben, analog zu m\u00fcndlichen Vertr\u00e4gen unter Menschen.<\/p>\n<p>Damit k\u00f6nnen Tiere vollwertige Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft werden. Denn deren grundlegender Mechanismus ist die Vertragsfreiheit: Nur Transaktionen, denen beide Parteien aus freiem Willen zustimmen, gelten als legitim. Bislang nehmen an diesen Transaktionen nur menschliche Parteien \u2013 etwa Landwirte, Schlachter und Konsumenten \u2013 teil, w\u00e4hrend die Tiere, die darunter leiden, so wenig gefragt werden wie ein Salatkopf.<\/p>\n<p>Wenn man die Willens\u00e4u\u00dferung der Tiere zur Basis des Zusammenlebens und, vielleicht wichtiger, -arbeitens macht, verlieren einige Formen der Interaktion \u2013 etwa die Schweine- und H\u00fchnerzucht sowie Tierversuche \u2013 zwingend ihre Legitimit\u00e4t, ohne dass man wie im Abolitionismus gen\u00f6tigt ist, jede \u00f6konomischer Interaktion zwischen Mensch und Tier abzulehnen. W\u00fcrde ein Schaf nicht zustimmen, dass der Mensch ihm Wiesen und Schutz vor Unwetter und Fressfeinden gibt \u2013 und es sich daf\u00fcr (schonend) scheren l\u00e4sst? Lie\u00dfe sich dies unter entsprechenden Bedingungen nicht auch f\u00fcr eierlegende H\u00fchner oder Milchk\u00fche behaupten? Und w\u00e4ren Tr\u00fcffelschweine oder Blinden- und Wachhunde nicht ebenso Besch\u00e4ftigte wie menschliche Mitarbeiter?<\/p>\n<p>Wenn man also den Blick auf Interaktionen lenkt, die dem Willen beider Seiten gerecht werden, werden viele bestehende Mensch-Tier-Beziehungen als gutes Beispiel sichtbar anstatt als exotische Ausnahme oder verschleierten Missbrauch. Hunde und Katzen sind sogar Nutznie\u00dfer der menschlichen Zivilisation, wenn sie sichere H\u00e4user, Spielzeug, Schutz vor Gewalt und eine moderne Medizin genie\u00dfen. Auch Pferden gelang es, ihre Lebensumst\u00e4nde erheblich zu verbessern, wenn sie idealerweise auf einer sicheren Weide in Gruppen leben und nur gelegentlich (schonend) geritten werden.<\/p>\n<p>Nennenswert w\u00e4ren auch Tauben, die eigentlich als Nahrungsmittel in engen Schl\u00e4gen gehalten wurden, nun aber frei in den Innenst\u00e4dten leben, wo Menschen ihnen gegen\u00fcber zunehmend Verantwortung \u00fcbernehmen. Gute Beispiele daf\u00fcr findet man genug, um Hoffnung zu haben, dass sich das Leben aller Tiere verbessern kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Philosophen und Ethiker verzichten seit langem auf Fleisch. Eine inspirierende Perspektive auf das Zusammenleben von Mensch und Tier bildete sich aber erst in den letzten Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":0,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_veg_vorspann":"Viele Philosophen und Ethiker verzichten seit langem auf Fleisch. 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